Eine neue Kolumne von Peter Wyss - Chefredakteur der Automobil Revue Exklusiv für Ecurie Basilisk

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Frisch von der Leber

Alle Jahre kommen der Osterhase, der Samichlaus und das Christkind. Zumindest glauben dies alle Kinder, und wir freuen uns mit ihnen darüber. Auf eine bestimmte Spezies bezogen, ist das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring alle Jahre wieder wie Weihnachten. Die Vorfreude darauf ist ähnlich gross wie für die Kinder das Erscheinen der eingangs erwähnten Geschenkboten.

Ich fühle mich zugegeben auch jedes Jahr fast wie ein Kind in der Vorweihnachtszeit, wenn das Datum des 24-Stunden-Rennens näher rückt. Erst zähle ich die Monate, danach die Wochen, dann die Tage und schliesslich die Stunden. Ein gedanklicher Countdown auf ein spezielles Rennen.

Dieses Jahr war alles anders. Unfassbar, dass dieses Rennen, dessen Faszination ich 1986 erstmals erlegen bin, ohne mich stattfinden konnte. Aber ich hab’s ja selbst provoziert, indem ich mich zur Teilnahme an einer Leserreise der „Automobil Revue“ überreden liess. Pardon, stimmt nicht ganz: Ich habe mich selbst von deren Einmaligkeit überzeugt, schliesslich kommt man nicht alle Tage in die Mongolei, schon gar nicht in die Wüste Gobi, und obendrein nicht als Offroad-Selbstfahrer. Das gab’s dort vorher noch nie. Ein Hauch von Pioniergeist, könnte man sagen.

Die eine Einmaligkeit zog ich also der anderen vor. Da der Start zu dieser Reise erst am Sonntagmorgen während des Eifel-Marathons fiel, hätte ich theoretisch Figgi und Mühli haben können: Ein Start- und ein Nachtturn am Nürburgring, dann ab nach Berlin, um von dort am Sonntagmittag in die Mongolei zu fliegen. Aber dazu bräuchte es zuerst einmal ein Team, das nur einen „halben“ Fahrer akzeptierte, und das ernsthaft zu suchen, schlug ich mir aus dem Kopf.

Je näher das Datum rückte, desto mehr – mehr als ich erwartet hatte tat es mir doch in der Seele weh, nicht dabei zu sein. Kam in 22 Jahren vorher nur zwei Mal vor. Einmal, das weiss ich noch genau, siegte die eheliche Gehorsamspflicht, denn hätte ich nicht der Hochzeit meiner Schwägerin beigewohnt, wäre mein Zuhause danach zur Hölle geworden. Im Nachhinein bereute ich es allerdings, das Fest der Familie dem Fest der Motorsportler vorgezogen zu haben, denn zur Scheidung kam es Jahre später ohnehin…

Dieses Jahr werde ich nichts bereuen. Spätestens in der Wüste ist das verpasste 24-Stunden-Rennen Schnee von gestern, und dann beginnt die alljährliche Vorfreude auf Nürburgring 2009 halt von Neuem. Und sowieso: So ein Rennen hat auch seine Schattenseiten, die man danach am liebsten rasch vergessen will. Ich erinnere mich noch gut an ein Jahr in den späten Achtzigerjahren, als ich mit zwei deutschen Rennfüchsen ein vermeintlich schlagkräftiges Team bildete. Der eine war auf der Langstrecke zu Hause, der andere 1979 sogar deutscher Formel-3-Meister. Ich weiss noch gut, wie ich an der Zapfsäule im vollen Outfit auf den Tankstopp und den Fahrerwechsel wartete, um erstmals im Rennen das Volant des Gruppe-N-Toyota zu übernehmen. Doch der gute Formel-3-Meister kam nicht, dafür die Durchsage über Lautsprecher, dass er abgeflogen sei. Für mich brach eine Welt zusammen, die Freude über dieses Rennen wich schlagartig einer grenzenlosen Enttäuschung.

Ausfälle ereilten mich und das Team, in dem ich jeweils untergebracht war, gelegentlich, aber kein Ausfall war so schlimm wie jener. Bis man selbst ans Lenkrad kommt, fährt die Angst mit, dass der Teamkollege das Auto wegschmeisst, in einen Unfall verwickelt wird oder ein technisches Problem auftritt. Die Defekthexe ist der ungewollte Gast bei diesem Rennen, keiner will sie, aber jeden besucht sie irgendwann. Wenn sie ganz aufdringlich ist, kann man das Rennen abhaken.

Das Schlimmste, was einem Fahrer und Team passieren kam, widerfuhr dem Berner Peter Rikli im vergangenen Jahr. In der letzten Runde verunglückte der wahrscheinlich etwas unkonzentrierte Schlussfahrer, der vor lauter Freude ob dem sicher geglaubten Sieg dem Publikum zuwinkte und dabei in eine Kollision mit einem noch dümmeren Konkurrenten, der rücksichtslos überholte, verwickelt wurde. Beide Autos endeten als Schrotthaufen. Mich traf die Meldung darüber fast so hart wie die arme Rikli-Truppe, die den ersten Klassensieg bei diesem Rennen mehr als verdient gehabt hätte. Ich war genauso fassungslos wie die Betroffenen und hätte mit ihnen heulen können.

Ein anderes Beispiel lieferte unser früheres Vorstandmitglied Kurt Wenger, der im Team des OPC-Race-Camps eine glänzende Vorstellung gab. Er und seine drei Teamkollegen jagten mit ihren Opel Astra GTC den brandneuen Werks-Scirocco von Stuck & Co., lagen in der Nacht auf Platz 2 in ihrer Klasse und Rang 16 im Gesamtklassement, ehe sie ein Motorschaden aus allen Träumen riss.

Solche bitteren Momente, wie auch die freudigen, widerspiegeln die Magik dieses Rennens.

Keiner weiss, was mir 2008 widerfahren wäre. Vielleicht ein weiterer Klassensieg, ein Ehrenplatz, oder ein Ausfall? Wenn diese Zeilen veröffentlicht werden, ist das diesjährige Rennen schon wieder Geschichte. Umso mehr freue ich mich nun über alle, die mich um den Mongolentrip beneiden. Auf dem Nürburgring kann ja bald jeder fahren…

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